Schafstelzen-Unterarten im Herbst

Verantwortlich: Nicolas Martinez

 

Update aus dem Frühling 2016

Schon in weniger als einem Monat werden die ersten Schafstelzen-Durchzügler wieder in der Schweiz rasten! Wir warten gespannt und werden erneut versuchen, so viele Beobachtungen wie möglich zu machen.

 

Im letzten Frühling haben wir uns schon einmal etwas "aufgewärmt". Im kleinen Rahmen haben wir geschaut, wie häufig die verschiedenen Unterarten im Frühling sind. Das Ergebnis: Von 44 Männchen konnten wir 41 einer Unterart zuweisen. Am häufigsten waren flava-Vögel (31), gefolgt von thunbergi (7) und cinereocapilla (3).  Vögel mit klassischen Merkmalen von cinereocapilla scheinen im Frühling als "Overshoots" also auch nördlich des Jura nicht allzu selten zu sein....

 

Dominic Eichhorn, Simon Hohl, Nicolas Martinez

Juli 2016

 

Einleitung

Mehr zufällig entdeckten wir, dass im Herbst kaum jemand versucht bei Schafstelzen die Unterart zu bestimmen. Ganz im Gegensatz zum Frühling, wo ein massgeblicher Anteil der Männchen auf Unterartniveau bestimmt wird. In Zahlen sieht dies bei www.ornitho.ch wie folgt aus: Im Frühling (März-Juni) betreffen 19% aller Schafstelzen-Meldungen Meldungen von Unterarten. Im Herbst nur gerade 2%. Noch extremer ist dies wenn nicht-flava Schafstelzen betrachtet werden: Von thunbergi stammen z.B. 99% aller Meldungen aus dem Frühling...

 

Der Hauptgrund: Im Frühling ist die Unterartbestimmung von Schafstelzen-Männchen in vielen Fällen problemlos möglich, im Herbst hingegen deutlich schwieriger: Im Schlichtkleid sind viele Zeichnungsmerkmale durch grünliche und ockerfarbene Federn nur noch undeutlich zu sehen. Zudem weisen gewisse Unterarten Merkmale auf, die sie im Frühling so nur selten zeigen; viele thunbergi-Männchen haben im Herbst zum Beispiel einen Überaugenstreif. Dieser ist zwar meist unterbrochen und nur fein - kann aber sehr leicht zu Missverständnissen führen. Vor allem wenn eine Stelze nur kurz gesehen wird, ist eine sichere Ansprache also nicht einfach. Dazu kommt natürlich, dass viele Schafstelzen im Herbst (fast immer unbestimmbare) Jungvögel sind.

 

Um herauszufinden, wie oft neben flava auch andere Unterarten bei uns durchziehen, haben wir uns zum Ziel gesetzt, diesen Herbst (und wohl auch die folgenden Jahre) genau hinzuschauen. Zumindest thunbergi dürfte weitaus häufiger sein als es die Meldungen vermuten lassen...

Wer ebenfalls versuchen möchte, auch im Herbst Schafstelzen auf ihre Unterart-Zugehörigkeit zu bestimmen, findet in einer Publikation von Raül Aymi nützliche Informationen: https://www.dutchbirding.nl/journal/pdf/DB_1999_21_5.pdf

 

Generelle Anmerkung

Hybridisierungen: Die verschiedenen Unterarten der Schafstelzen hybridisieren miteinander, insbesondere dort, wo mehrere Unterarten natürlicherweise zusammenkommen. Ein Beispiel aus der Schweiz ist das Seeland (bes. flava x cinereocapilla, siehe auch hier). Dadurch treten Mischformen auf, welche verschiedene Merkmalskombinationen zeigen können und die Bestimmung zusätzlich erschweren. In der Folge sprechen wir daher jeweils von Vögeln "mit Merkmalen einer Unterart". Damit wollen wir zum Ausdruck bringen, dass diese Vögel äusserlich der jeweiligen Unterart entsprechen, wir jedoch die tatsächliche Herkunft resp. genetische Identität nicht kennen.

 

Geschlecht & Alter: In einzelnen Fällen können auch im Herbst Weibchen und Jungvögel einer Unterart zugeordnet werden. Die Ansprache ist jedoch deutlich schwieriger als bei Männchen und die grosse Mehrheit der Vögel ist nicht sicher bestimmbar. Bei den Auswertungen beschränken wir uns daher auf (adulte) Männchen.

 

Bestimmungskriterien für adulte Männchen:

Wir haben uns beim Bestimmen eng an die Kriterien aus der Publikation von Raül Aymi (1999) gehalten. Wir gehen jedoch davon aus, dass Vögel der Unterarten iberiae, feldegg und wahrscheinlich auch cinereocapilla im Herbst kaum in der Nordwestschweiz zu erwarten sind. Hauptsächlich mussten somit die Unterarten flava, flavissima/lutea und thunbergi unterschieden werden. Im Vergleich zur Situation in Spanien bedeutet dies eine deutliche Erleichterung. Beinahe alle nicht-flava Schafstelzen wurden jedoch mit Fotos und/oder Notizen ausführlich domumentiert, um eine nächträgliche Überprüfung der Bestimmung zu ermöglichen.


 

Ergebnisse

Eigene Daten

Im ersten Projektjahr konnten wir zwischen 1.September und 2. Oktober 27 Schafstelzentrupps mit insgesamt mindestens 227 Individuen genauer anschauen (mittlere Truppgrösse: 8.41). 46 Individuen (20.3%) bestimmten wir als (adulte) Männchen. Von diesen konnten wir 38 einer Unterart zuordnen (83%), 8 Individuen wiesen Merkmale verschiedener Unterarten auf und blieben unbestimmt (17%).  Deutlich am häufigsten waren flava-Männchen, gefolgt von thunbergi:

 

Unterart

Anzahl Ind.

Prozent (%)

flava

32

69.5

thunbergi

5

10.9

flavissima/lutea*

1

2.2

unbestimmt

8

17.4

 

 

* unter Vorbehalt des Entscheids durch die SAK

Links: Unterartzugehörigkeit aller betrachteten Schafstelzen-Individuen (n = 227).

Rechts: Unterartzugehörigkeit aller Männchen (n = 46).

Bilder

M. f. mit Merkmalen der Unterart flava:

M. f. mit Merkmalen der Unterart thunbergi:

M. f. mit Merkmalen der Unterarten flavissima/lutea:

nicht bestimmte Schafstelzen:

Daten Ornitho.ch

Ein Vergleich der auf www.ornitho.ch erfassten Schafstelzen-Meldungen im Frühling (März-Juni) und Herbst (August-Oktober) zeigt das folgende Bild:

 

Im Frühling entfallen 19.5% aller Meldungen auf Meldungen mit Angabe einer Unterart.

Im Herbst beträgt dieser Wert lediglich 1.5%.

 

Die Anteile der Meldungen in Prozent für die einzelnen Unterarten sind dabei wie folgt:

 

Unterart

Frühling (%)

Herbst (%)

flava

8.31

1.36

thunbergi

5.71

0.09

cinereocapilla

3.91

0.05

flavissima/lutea

0.08

0.04

feldegg

1.45

0.00

unbestimmt

80.55

98.46

 

Anzahl Meldungen auf www.ornitho.ch im Frühling (März-Juni) und Herbst (August-Oktober; Stand Anfang September 2015):


Daten Beringungsstation Col de Bretolet

Mit den Daten von auf dem Col de Bretolet gefangenen Schafstelzen wollten wir schauen, ob sich zusätzliche Aussagen betreffend der Unterartzugehörigkeit der Schafstelzen erbringen lassen. Leider sind von insgesamt 4089 gefangenen Schafstelzen (1976-2014) aber nur 8 auf Unterartniveau bestimmt worden (6 flava, 2 thunbergi). Eine vertiefte Auswertung war daher nicht möglich. In einem zweiten Schritt haben wir geschaut, ob wir Differenzen bei den Flügellängen in Abhängigkeit der Jaheszeit finden. Der Hintergrund: Je nach Quelle gelten thunbergi-Vögel als im Durchschnitt etwas grösser als flava-Individuen. Falls thunbergi-Schafstelzen nun einen anderen Durchzugspeak hätten als flava-Schafstelzen, hätten wir dies möglicherweise in den Daten sehen können. Auch hier haben wir jedoch leider nichts gefunden. Dies bedeutet jedoch nicht, dass keine  oder nur wenige thunbergi auf dem Bretolet durchziehen. Wahrscheinlicher ist, dass sich die Durchzugsmuster der beiden Unterarten nicht so deutlich unterscheiden. Oder aber, dass die Grössenunterschiede zu gering sind, um entdeckt zu werden.


Dank

Die folgenden Personen haben uns bei unserem Projekt unterstützt. Ihnen möchten wir herzlich danken:

 

Raül Aymi und Per Alström haben uns bei der Bestimmung mehrerer Schafstelzen geholfen und uns wertvolle Tips gegeben.

 

Jacques Laesser von der Schweizerischen Vogelwarte Sempach hat uns die Daten der Beringungsstation Col de Bretolet zur Verfügung gestellt.

 



Oktober 2015, Nicolas Martinez