Schafstelzen-Unterarten im Herbst

Verantwortlich: Nicolas Martinez

Oktober 2018

 

1. Einleitung
2. Generelle Anmerkungen

3. Ergebnisse & Diskussion
3.1. Eigene Daten Herbst
3.2. Bilder Herbst
3.3. Eigene Daten Frühling
3.4. Bilder Frühling
3.5. Daten Ornitho.ch
3.6. Daten Beringungsstation Col de Bretolet

4. Dank

 

1. Einleitung

Mehr zufällig entdeckten wir, dass im Herbst kaum jemand versucht bei Schafstelzen die Unterart zu bestimmen. Ganz im Gegensatz zum Frühling, wo ein massgeblicher Anteil der Männchen auf Unterartniveau bestimmt wird. In Zahlen sieht dies bei www.ornitho.ch wie folgt aus: Im Frühling (März-Juni) betreffen 19% aller Schafstelzen-Meldungen Meldungen von Unterarten. Im Herbst nur gerade 2% (siehe auch Kap. 3.6.). Noch extremer ist dies wenn nicht-flava Schafstelzen betrachtet werden: Von thunbergi stammen z.B. 99% aller Meldungen aus dem Frühling...

 

Der Hauptgrund: Im Frühling ist die Unterartbestimmung von Schafstelzen-Männchen in vielen Fällen problemlos möglich, im Herbst hingegen deutlich schwieriger: Im Schlichtkleid sind viele Zeichnungsmerkmale durch grünliche und ockerfarbene Federn nur noch undeutlich zu sehen (Schafstelzen mausern im Herbst UND im Frühling!). Zudem weisen gewisse Unterarten Merkmale auf, die sie im Frühling so nur selten zeigen; viele thunbergi-Männchen haben im Herbst zum Beispiel einen Überaugenstreif. Dieser ist zwar meist unterbrochen und nur fein - kann aber sehr leicht zu Missverständnissen führen. Vor allem wenn eine Stelze nur kurz gesehen wird, ist eine sichere Ansprache also nicht einfach. Dazu kommt natürlich, dass viele Schafstelzen im Herbst (fast immer unbestimmbare) Jungvögel sind.

 

Um herauszufinden, wie oft neben flava auch andere Unterarten bei uns durchziehen, haben wir uns zum Ziel gesetzt, diesen Herbst (und wohl auch die folgenden Jahre) genau hinzuschauen. Zumindest thunbergi dürfte weitaus häufiger sein als es die Meldungen vermuten lassen...

Wer ebenfalls versuchen möchte, auch im Herbst Schafstelzen auf ihre Unterart-Zugehörigkeit zu bestimmen, findet in einer Publikation von Raül Aymi nützliche Informationen: https://www.dutchbirding.nl/journal/pdf/DB_1999_21_5.pdf

 

Zudem hier noch eine Karte mit den verschiedenen Schafstelzen-Unterarten aus Bot et al. 2014 Dutch Birding (www.dutchbirding.nl/journal/36/5#):

2. Generelle Anmerkung

Hybridisierungen: Die verschiedenen Unterarten der Schafstelzen hybridisieren miteinander, insbesondere dort, wo mehrere Unterarten natürlicherweise zusammenkommen. Ein Beispiel aus der Schweiz ist das Seeland (bes. flava x cinereocapilla). Dadurch treten Mischformen auf, welche verschiedene Merkmalskombinationen zeigen können und die Bestimmung zusätzlich erschweren. In der Folge sprechen wir daher jeweils von Vögeln "mit Merkmalen einer Unterart". Damit wollen wir zum Ausdruck bringen, dass diese Vögel äusserlich der jeweiligen Unterart entsprechen, wir jedoch die tatsächliche Herkunft resp. genetische Identität nicht kennen.

 

 

Geschlecht & Alter: In einzelnen Fällen können auch im Herbst Weibchen und Jungvögel einer Unterart zugeordnet werden. Die Ansprache ist jedoch deutlich schwieriger als bei Männchen und die grosse Mehrheit der Vögel ist nicht sicher bestimmbar. Bei den Auswertungen beschränken wir uns daher auf (adulte) Männchen.

 

Bestimmungskriterien für adulte Männchen:

Wir haben uns beim Bestimmen eng an die Kriterien aus der Publikation von Raül Aymi (1999) gehalten. Wir gehen jedoch davon aus, dass Vögel der Unterarten iberiae, feldegg und wahrscheinlich auch cinereocapilla im Herbst kaum in der Nordwestschweiz zu erwarten sind. Hauptsächlich mussten somit die Unterarten flava, flavissima/lutea und thunbergi unterschieden werden. Im Vergleich zur Situation in Spanien bedeutet dies eine deutliche Erleichterung. Beinahe alle nicht-flava Schafstelzen wurden jedoch mit Fotos und/oder Notizen ausführlich domumentiert, um eine nächträgliche Überprüfung der Bestimmung zu ermöglichen.

 

 

Spezialfall flavissima/lutea: Vögel mit Merkmalen der Unterarten flavissima/lutea sind in der Schweiz selten, werden im Frühling aber mehr oder weniger regelmässig nachgewiesen: Zwischen 1992 und 2018 liegen insgesamt 99 Nachweise vor. In den letzten 10 Jahren gelangen im Durchschnitt 4.9 Nachweise pro Jahr (www.vogelwarte.ch/sak). Die meisten Nachweise dürften die „Englische Schafstelze“ M. f. flavissima betreffen (vgl. dazu auch die Karte mit den Sxhweizer Nachweisen weiter unten). Wenige (5) Nachweise existierten auch aus dem Herbst – im Zuge einer Revision wurden diese jedoch alle gestrichen (Maumary & Mosimann-Kampe 2017 Ornithol. Beob.). Der Grund ist, dass die Variationsbreite beim Herbstgefieder der Unterart flava ungenügend untersucht ist und dass „gelbköpfige“ Schafstelzen z. B. in Schweden häufiger festgestellt wurden, als dies für flavissima zu erwarten wäre. Bei der Bestimmung „gelbköpfiger“ Schafstelzen ausserhalb des normalen Vorkommens von flavissima/lutea ist somit extreme Vorsicht angebracht! Ein Teil der Schafstelzen aus der Schweiz, die gemäss Aymi (2000) wie typische flavissima aussehen, dürften wohl dieser Unterart angehören. Nach derzeitigem Wissensstand können abweichend gefärbte flava-Vögel aber nicht zu 100% ausgeschlossen werden.

 

Bei unseren Auswertungen folgen wir dieser Argumentation. Um potenzielle flavissima-Vögel aber nicht zu „verlieren“, haben wir eine Kategorie „gelbköpfige Schafstelzen“ eingeführt. Diese entspricht im Prinzip den Kriterien für flavissima nach Aymi (2000). Wie gesagt, wissen wir aber nicht, ob es auch genetisch flavissima Vögel sind!

 

NB: falls jemand eine vergleichbare Untersuchung machen möchte, z. B. in der Ostschweiz, wäre es natürlich extrem spannend die Daten zu vergleichen! Zu erwarten wäre, dass gelbköpfige Schafstelzen dort seltener wären als bei uns – falls es sich denn tatsächlich um flavissima handelt!

 

Nachweise von flavissima/lutea (links) im Vergleich zu feldegg-Nachweisen (jeweils 1992-2018). Bei flavissima/lutea ist im Vergleich zu feldegg eine gewisse Konzentration an Nachweisen in der westlichen Landeshälfte zu sehen (nb: ja, ich hätte auch erwartet, dass es deutlicher ist ;-)). Auffallend ist das Muster vor allem im Rheintal. Dies spricht dafür, dass es sich bei Vögeln mit Merkmalen von flavissima/lutea meist eher um flavissima handeln dürfte (die sich, um in der Schweiz zu landen, auch deutlich weniger verirren müssen, als eine lutea aus Kazachstan...;-))

 

 

3. Ergebnisse & Diskussion

3.1. Eigene Daten Herbst

In den Jahren 2015-18 konnten wir zwischen August und  Oktober 74 Schafstelzentrupps mit insgesamt mindestens 563 Individuen genauer anschauen (mittlere Truppgrösse: 7.6). 103 Individuen (18.3%) bestimmten wir als (adulte) Männchen. Von diesen konnten wir 87 einer Unterart (inkl. „gelbköpfige Schafstelze“) zuordnen, 15 Individuen wiesen Merkmale verschiedener Unterarten auf und blieben unbestimmt (14.6%).  Deutlich am häufigsten waren flava-Männchen, gefolgt von thunbergi:

 

 

 

Unterart

Anzahl Ind.

Prozent (%)

flava

74

71.8

thunbergi

10

9.7

"gelbköpfig"

4

3.9

unbestimmt

15

14.6

 

Links: Unterartzugehörigkeit aller betrachteten Schafstelzen-Individuen (n = 563).

Rechts: Unterartzugehörigkeit aller Männchen (n = 103).

 

Interessant ist auch die im Verlauf des Herbst wechselnde Anteil an adulten Männchen: Die ersten adulten Männchen haben wir nie vor Anfang September beobachtet. Adulte Männchen (und vermutlich auch adulte Weibchen) dürften somit später ihre Brutgebiete verlassen, dann aber rascher resp. zielstrebiger nach Süden ziehen. Diese Beobachtung bestätigt sich auch im Vergleich mit den Daten der Beringungsstation vom Col de Bretolet:

 

Links: Durchzugsmuster von Adulten Männchen im Vergleich zu 1. KJ und FT Vögeln bei uns in der Nordwestschweiz. Rechts: ein extrem ähnliches Muster ist auch auf dem Bretolet zu sehen. Beachte, dass in der linken Graphik adulte Männchen allen anderen Vögeln (= inkl. adulte Weibchen!) gegenübergestellt werden, während bei den Daten der Beringungsstation Bretolet Adulte (Männchen und Weibchen) mit 1KJ Vögeln verglichen werden.

 

3.2. Bilder Herbst

M. f. mit Merkmalen der Unterart flava:

 

M. f. mit Merkmalen der Unterart thunbergi:

 

"Gelbköpfige" Schafstelzen:

Ein adultes Männchen aus Rodersdorf, 21. 09.2014. Dieser Vogel wurde ursprünglich als Ind. mit Merkmalen der Unterarten flavissima/lutea angenommen, im Zuge der oben erwähnten Revision jedoch, wie alle bisherigen Herbstnachweise, gestrichen:

Und hier ein ähnlich stark gelb gefärbter Vogel aus Hégenheim Elsass (16.09.2018; Bilder: D. Bürgi):

Die folgenden Individuen haben wir ebenfalls als "gelbköpfig" klassiert. Sie sind nicht ganz so extrem gefärbt, wie der Vogel oben, gemäss mehreren Experten liegen aber auch sie im Variationsbereich von flavissima. Wie bereits mehrfach betont, kann flava aber nicht ausgeschlossen werden!

 

nicht bestimmte Schafstelzen:

Die folgenden Schafstelzen haben wir nicht aus Unterartniveau bestimmt. Sie weisen Merkmale mehrerer Unetrarten und/oder sonst ein abweichende Färbung auf.

3.3. Eigene Daten Frühling

Im kleinen Rahmen haben wir auch geschaut, wie häufig die verschiedenen Unterarten im Frühling sind. Das Ergebnis: Von 44 Männchen konnten wir 41 einer Unterart zuweisen. Am häufigsten waren flava-Vögel (31 Ind.; 70%), gefolgt von thunbergi (7 Ind.; 16%) und cinereocapilla (3 Ind.; 7%). Vögel mit klassischen Merkmalen von cinereocapilla scheinen im Frühling als "Overshoots" also auch nördlich des Jura nicht absolut selten zu sein....

 

3.4. Bilder Frühling

Einfach als Vergleich ein paar Bilder aus dem Frühling (Achtung: auch hier sind sehr schlechte Belegaufnahmen darunter ;-))

3.5. Daten www.ornitho.ch

Ein Vergleich der auf www.ornitho.ch erfassten Schafstelzen-Meldungen im Frühling (März-Juni) und Herbst (August-Oktober) zeigt das folgende Bild:

 

Im Frühling entfallen 19.5% aller Meldungen auf Meldungen mit Angabe einer Unterart.

 

Im Herbst beträgt dieser Wert lediglich 1.5%.

 

Die Anteile der Meldungen in Prozent für die einzelnen Unterarten sind dabei wie folgt:

 

 

Unterart

Frühling (%)

Herbst (%)

flava

8.31

1.36

thunbergi

5.71

0.09

cinereocapilla

3.91

0.05

flavissima/lutea

0.08

0.04

feldegg

1.45

0.00

unbestimmt

80.55

98.46

 

Anzahl Meldungen auf www.ornitho.ch im Frühling (März-Juni) und Herbst (August-Oktober; Stand Anfang September 2015).

 

3.6. Daten Beringungsstation Col de Bretolet

Mit den Daten von auf dem Col de Bretolet gefangenen Schafstelzen wollten wir schauen, ob sich zusätzliche Aussagen betreffend der Unterartzugehörigkeit der Schafstelzen erbringen lassen. Leider sind von insgesamt 4'089 gefangenen Schafstelzen (1976-2014) aber nur 8 auf Unterartniveau bestimmt worden (6 flava, 2 thunbergi). Eine vertiefte Auswertung war daher nicht möglich. In einem zweiten Schritt haben wir geschaut, ob wir Differenzen bei den Flügellängen in Abhängigkeit der Jaheszeit finden. Der Hintergrund: Je nach Quelle gelten thunbergi-Vögel als im Durchschnitt etwas grösser als flava-Individuen. Falls thunbergi-Schafstelzen nun einen anderen Durchzugspeak hätten als flava-Schafstelzen, hätten wir dies möglicherweise in den Daten sehen können. Auch hier haben wir jedoch leider nichts gefunden. Dies bedeutet jedoch nicht, dass keine  oder nur wenige thunbergi auf dem Bretolet durchziehen. Wahrscheinlicher ist, dass sich die Durchzugsmuster der beiden Unterarten nicht so deutlich unterscheiden. Oder aber, dass die Grössenunterschiede zu gering sind, um entdeckt zu werden.

 

 

4. Dank

Die folgenden Personen haben uns bei unserem Projekt unterstützt. Ihnen möchten wir herzlich danken:

 

Raül Aymi und Per Alström haben uns bei der Bestimmung mehrerer Schafstelzen geholfen und uns wertvolle Tips gegeben.

 

Jacques Laesser von der Schweizerischen Vogelwarte Sempach hat uns die Daten der Beringungsstation Col de Bretolet zur Verfügung gestellt.